Ein guter Heiltee beginnt nicht erst in der Tasse, sondern bei einer einfachen Frage: Aufguss oder Abkochung? Ob zarte Blüten oder harte Wurzeln, ob fünf Minuten oder zwanzig – die richtige Methode entscheidet darüber, wie viel von einer Heilpflanze überhaupt ins Wasser übergeht. In der traditionellen Pflanzenheilkunde ist die Zubereitung deshalb kein Beiwerk, sondern Handwerk. Dieser Beitrag aus unserem Heilpflanzen-Ratgeber zeigt Schritt für Schritt, welche Pflanze wie zubereitet wird, wie lange sie ziehen sollte und worauf Sie bei Menge, Wasser und Aufbewahrung achten.
Aufguss oder Abkochung – der Unterschied
Beide Methoden lösen Pflanzenstoffe in Wasser, gehen dabei aber unterschiedlich mit Hitze um. Der Aufguss (fachsprachlich Infus) eignet sich für weiche, hitzeempfindliche Pflanzenteile: Blüten, Blätter und Kraut. Man übergiesst sie mit heissem Wasser und lässt sie abgedeckt ziehen. So bleiben empfindliche Stoffe wie die ätherischen Öle weitgehend erhalten.
Die Abkochung (Dekokt) ist für alles gedacht, was hart ist und seine Inhaltsstoffe nur langsam abgibt: Wurzeln, Rinde, Samen und Früchte. Diese Teile werden im Wasser einige Minuten geköchelt, damit sich die festeren Zellstrukturen öffnen. Als dritte, schonendste Variante gibt es den Kaltauszug (Mazerat) für sehr hitzeempfindliche Schleimstoffe – dazu später mehr.
Warum diese Unterscheidung so wichtig ist? Jeder Wirkstoff hat sein eigenes Temperaturfenster. Ätherische Öle sind flüchtig und verdampfen bei zu langem Kochen; Gerbstoffe dagegen lösen sich erst mit anhaltender Wärme. Wer eine Blütendroge minutenlang köchelt oder eine harte Wurzel nur kurz übergiesst, verschenkt einen Teil der Inhaltsstoffe. Die passende Methode ist also kein Ritual, sondern schlicht die effizienteste Art, das ins Wasser zu holen, worauf es bei der jeweiligen Pflanze ankommt.
Der Aufguss – Schritt für Schritt
Der Aufguss ist die häufigste Zubereitung, weil die meisten Küchen- und Heilkräuter aus Blättern oder Blüten bestehen. Er lässt sich mit getrockneter wie mit frischer Ware machen – von frischen Kräutern nimmt man wegen des höheren Wassergehalts etwa die doppelte Menge. So gelingt der Aufguss zuverlässig:
- Getrocknete Droge abmessen und in Tasse, Kanne oder ein Teesieb geben.
- Wasser aufkochen und kurz abkühlen lassen, bis es nicht mehr sprudelt.
- Die Kräuter mit dem heissen Wasser übergiessen.
- Abdecken – das ist der wichtigste Schritt, damit die ätherischen Öle nicht mit dem Dampf entweichen.
- 5 bis 10 Minuten ziehen lassen, dann abseihen und frisch geniessen.
Steckbrief · Der klassische Aufguss
- Geeignet für: Blüten, Blätter, Kraut (z. B. Kamille, Pfefferminze, Melisse)
- Wasser: heiss, nicht mehr sprudelnd kochend (rund 90 °C)
- Menge: ca. 1–2 Teelöffel (2–3 g) auf 150–250 ml
- Ziehzeit: 5–10 Minuten, stets abgedeckt
Die Abkochung – für harte Pflanzenteile
Wurzeln, Rinde und Samen geben ihre Inhaltsstoffe nur zögerlich ab. Hier reicht das blosse Übergiessen nicht – die Pflanzenteile müssen mitgekocht werden. Dazu setzt man die zerkleinerte Droge mit kaltem Wasser an, bringt beides zum Sieden und lässt es bei kleiner Hitze 10 bis 20 Minuten leise köcheln. Anschliessend abseihen.
Ein Sonderfall ist die Baldrianwurzel: Sie enthält empfindliche Stoffe und wird traditionell oft als Kaltauszug über mehrere Stunden angesetzt statt gekocht. Auch schleimstoffreiche Pflanzen wie Malve oder Eibisch zieht man kalt, weil Hitze ihre wertvollen Schleimstoffe verändern würde. Wer die Inhaltsstoffe länger haltbar machen möchte, findet mit der alkoholischen Tinktur eine konzentrierte Alternative zum frisch aufgebrühten Tee.
Ziehzeit, Menge und Dosierung
Die traditionellen Richtwerte sind erstaunlich beständig: Monografien von Kommission E, ESCOP und WHO nennen für viele Blüten- und Blätterdrogen ähnliche Mengen. Am Beispiel der Kamille sieht das so aus:
Als Faustregel gilt: 1 bis 2 Teelöffel getrocknete Droge auf eine Tasse. Feines Pulver wird sparsamer, grob geschnittene Ware grosszügiger dosiert. Die Ziehzeit macht den Unterschied zwischen einem milden und einem kräftigen Tee – zu lange gezogen, schmecken gerbstoffreiche Kräuter allerdings schnell bitter. Traditionell trinkt man viele Kräutertees 2- bis 4-mal täglich; mehr ist nicht automatisch besser. Wer regelmässig dieselbe Pflanze über längere Zeit anwendet, sollte die Kräuter abwechseln und die Hinweise auf der Verpackung beachten.
Welche Pflanze wie?
Ein kurzer Überblick, welche verbreitete Heilpflanze traditionell mit welcher Methode zubereitet wird und wie lange sie zieht. Die Angaben sind Richtwerte aus gängigen Monografien – die konkrete Empfehlung auf der Verpackung Ihrer Droge hat immer Vorrang:
| Pflanze | Verwendeter Teil | Methode | Ziehzeit |
|---|---|---|---|
| Kamille | Blüten | Aufguss | 5–10 Min. |
| Pfefferminze | Blätter | Aufguss | 5–10 Min. |
| Melisse | Blätter | Aufguss | 5–10 Min. |
| Ingwer | Wurzel (Rhizom) | Abkochung | 10–15 Min. |
| Hagebutte | Früchte | Abkochung | 10–20 Min. |
| Baldrian | Wurzel | Kaltauszug | 8–12 Std. (kalt) |
| Malve / Eibisch | Blüten / Wurzel | Kaltauszug | 1–2 Std. (kalt) |
Qualität, Aufbewahrung und Sicherheit
Ein Tee ist nur so gut wie seine Rohware. Achten Sie auf Kräuter aus geprüfter Herkunft – Apotheke, Drogerie oder Arzneibuch-Qualität geben Sicherheit bei Reinheit und Zusammensetzung. Bewahren Sie getrocknete Drogen trocken, kühl und vor Licht geschützt in gut verschlossenen Gefässen auf; so bleiben Farbe, Duft und Inhaltsstoffe am längsten erhalten. Viele Kräuter werden innerhalb eines Jahres verbraucht.
Sicherheit zuerst. Heiltees werden traditionell zur Unterstützung des Wohlbefindens getrunken und ersetzen keine ärztliche Abklärung. Wer regelmässig Medikamente einnimmt, schwanger ist oder stillt, sollte die Anwendung mit einer Fachperson besprechen – manche Pflanzenstoffe können Wechselwirkungen haben. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden holen Sie bitte ärztlichen Rat ein. Mehr dazu im Leitfaden Heilpflanzen sicher anwenden.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Aufguss und Abkochung?
Beim Aufguss übergiesst man zarte Pflanzenteile wie Blüten und Blätter mit heissem Wasser und lässt sie ziehen. Bei der Abkochung werden harte Teile wie Wurzeln, Rinde oder Samen einige Minuten im Wasser geköchelt, damit sich ihre Inhaltsstoffe lösen.
Wie lange sollte ein Heiltee ziehen?
Blüten und Blätter ziehen meist 5 bis 10 Minuten, abgedeckt, damit ätherische Öle nicht entweichen. Abkochungen von Wurzeln oder Rinde köcheln traditionell 10 bis 20 Minuten. Die genaue Zeit hängt von der Pflanze ab – halten Sie sich an die Angaben auf der Verpackung.
Wie viel getrocknete Pflanze nehme ich pro Tasse?
Als traditionelle Richtmenge gilt etwa 1 bis 2 Teelöffel getrocknete Droge – ungefähr 2 bis 3 Gramm – auf eine Tasse von rund 150 Millilitern heissem Wasser. Bei geschnittener Ware misst man grosszügiger als bei feinem Pulver.
Muss ich Heiltee mit kochendem Wasser übergiessen?
Für die meisten Blüten und Blätter genügt heisses, nicht mehr sprudelnd kochendes Wasser. Sehr hitzeempfindliche Schleimstoffe, etwa in Malve oder Eibisch, werden traditionell sogar kalt angesetzt. Wurzeln und Rinde dagegen brauchen die Hitze der Abkochung.
Wie oft am Tag darf ich Heiltee trinken?
Traditionell werden viele Kräutertees 2- bis 4-mal täglich als Tasse genossen. Mehr ist nicht automatisch besser: Bleiben Sie bei üblichen Mengen, wechseln Sie die Kräuter ab und beachten Sie die Hinweise auf der Verpackung oder Ihrer Fachperson.
Wie bewahre ich getrocknete Heilkräuter richtig auf?
Trocken, kühl und vor Licht geschützt in gut verschlossenen Gefässen – so bleiben Farbe, Duft und Wirkstoffe am längsten erhalten. Getrocknete Kräuter verlieren mit der Zeit an Qualität; viele werden innerhalb von etwa einem Jahr verbraucht.
Quellen
- ESCOP Monographs, 2. Auflage (u. a. Matricariae flos, Menthae piperitae folium). European Scientific Cooperative on Phytotherapy, Exeter.
- EMA / HMPC. Community herbal monograph on Matricaria recutita L., flos. European Medicines Agency.
- Kommission E des ehemaligen BGA. Monographien zu Heilpflanzen (Kamillenblüten, Pfefferminzblätter, Baldrianwurzel).
- WHO. WHO Monographs on Selected Medicinal Plants, Vol. 1: Flos Chamomillae. Genf, 1999.
- McKay DL, Blumberg JB. A review of the bioactivity and potential health benefits of chamomile tea. Phytother Res. 2006;20(7):519–530. DOI: 10.1002/ptr.1900.
- BLV – Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen: Hinweise zu Kräutertees und Pyrrolizidinalkaloiden.